Shen, das Strahlen und die Lebensfreude

Wenn es jemandem so richtig gut geht, dann sieht man das – unter anderem am Gesicht, am Leuchten der Augen, aber auch an der Energie und Ausstrahlung, die jemand hat. Es gibt Menschen, die strahlen so richtig von innen heraus. Chinesisch nennt man das Shen – für die Chinesen so etwas wie die „Seele des Herzens“ – etwas freier übersetzt: das innere Feuer oder Strahlen, das jemand hat. 

 

Ich habe beim Arbeiten sehr häufig zu tun mit ausgebrannten Patienten. Mit Menschen, denen jeglicher Shen oder Feuer fehlt. Die manchmal schon ganz grau im Gesicht sind und bei denen sich tiefe Sorgenfalten ins Gesicht gegraben haben. Die auf die Frage, wie es ihnen geht, immer so etwas sagen, wie „EIGENTLICH geht es mir ja gut“... oder „wie soll es einem schon gehen, man kämpft sich durch“...“es muss“... „immer so weiter“.....“ich kann nicht klagen“..…….hallo? Das ist NICHT das Niveau, das wir anstreben wollen. 

 

Nach der TCM-Diagnostik gibt es dafür verschiedene Gründe. Die Geschichten von ausgebrannten Patienten ähneln sich oft. Meistens bekomme ich erst einmal die Spitze des Eisbergs zu hören: zu viel Arbeit, viel Stress, zu viel zu tun. Nach ein paar Behandlungen, wenn die Patienten mich besser kennen, und etwas mehr Vertrauen haben, erzählen sie mir meistens, wo wirklich der Schuh drückt. Dass sie unglücklich in ihrem Job sind und am liebsten kündigen würden, oder in einer Beziehung leben, die sie schon lange unglücklich macht. Oder in keiner Beziehung leben und sich einsam fühlen. Dass sie gar keinen Sinn mehr sehen, in dem was sie tun, ihr Alltag sie völlig erschöpft und sie morgens schon den Moment herbeisehnen, wenn sie abends ins Bett gehen können. Wenn der Shen – das Lebensfeuer fehlt, dann schaffen wir es nur „irgendwie“ durch den Tag. Pure Lebensfreude sieht anders aus. 

 

Schulmedizinisch gibt es dann verschiedene Diagnosen, Burnout, psychovegetative Erschöpfung, oder auch Depression. Nach chinesischem Verständnis haben viele dieser Patienten über eine lange Zeit ihre Energiereserven geleert, haben oft eine so genannte „schwache Mitte“, leiden fast immer an Schlafstörungen (man sagt chinesisch „der Shen kommt nicht zur Ruhe“) und grübeln und sorgen sich viel. Das kann man alles sehr gut behandeln. Wenn es jemandem auf körperlicher Ebene wieder besser geht, dann kommt Shen, das Strahlen, ganz schnell wieder zurück. 

 

Shen – Ausstrahlung/Lebensfreude/Feuer bekommt man NICHT, indem man ständig darüber nachdenkt, warum es einem nicht gut geht, was der Sinn des Lebens ist, wie man glücklich wird, oder indem man sich ständig mit anderen vergleicht.... völlig kontraproduktiv. Viel besser wäre es, mal etwas zur Stärkung der schwachen Mitte zu machen: Zucker weglassen (ja, richtig, weglassen), tierisches Eiweiß reduzieren, Milchprodukte reduzieren, warm frühstücken, abends wenig essen, nicht so viel Kaffee und Alkohol trinken, Hektik meiden, gut atmen, Yoga oder Ähnliches machen, nicht grübeln, gut schlafen und vor allem, viel Zeit mit lieben Menschen verbringen. Auch Umarmung, Körperkontakt, lachen, singen, tanzen – alles SEHR hilfreich. So manche ältere Dame braucht weniger Tabletten gegen Depression, wenn sie nicht mehr alleine zuhause sitzt, sondern eine nette Canasta-Runde gefunden hat. (So haben viele Corona-Maßnahmen momentan genau einen gegenteiligen Effekt, aber das nur am Rand - der Mensch braucht nun mal soziale Kontakte, Berührungen, Körperkontakt, Umarmungen)

 

Die meisten Menschen sagen mir dann so etwas in die Richtung: „ja, aber ich bin doch so müde, ich kann mich zu nichts motivieren, wie soll ich dann auch noch Menschen treffen, oder im Wald spazieren gehen?“. Das ist für viele wirklich eine Herausforderung und dafür habe ich auch kein Patentrezept. Allerdings merken die meisten Menschen, wenn sie sich mal zu solchen Dingen aufraffen, dass es ihnen ganz rasch besser geht. Und wenn man insgesamt wieder stabiler ist, dann geht es an den nächsten Schritt... einen neuen Job suchen, die Partnerschaft wiederbeleben, eine neue Wohnung suchen, oder was immer an Veränderungen ansteht. Solche Veränderungen gelingen manchmal alleine, manchmal ist psychologische Unterstützung sinnvoll. Aber auch das ist viel einfacher und erfolgreicher, wenn man ein solides Fundament hat.

 

Warum strahlen bei uns so wenige Menschen? Funktionieren noch irgendwie, und schaffen ihren Alltag, haben aber keine Freude mehr daran...

Das hat zum einen mit unserer Lebensweise zu tun. Viele sind zu oft isoliert und zu selten in netter Gesellschaft. Viele laugt ihr Beruf aus. Viele essen und trinken zu oft das Falsche. Viele verbringen zu viel Zeit bei Netflix und zu wenig in der Natur. Und, ganz wichtig, Viele hatten eine Menge größerer und kleinerer seelischer Verletzungen. Die Seele kann genauso verletzt werden, wie der Körper, und manchmal macht sich das erst nach vielen Jahren bemerkbar

 

Es gibt ein paar Grundsätze die helfen, damit Shen - das Strahlen und die Lebensfreude bleiben oder wiederkehren: 

Jeder Mensch braucht eine sinnvolle Aufgabe im Leben – etwas worin man einen Sinn findet. Das kann unter anderem die Arbeit sein, das können aber auch ganz andere Dinge sein. Das kann ein Haustier sein, ein Patenkind, um das man sich kümmert, ein Hobby. Kinder großzuziehen erleben viele Menschen als ausgesprochen sinnvoll. Ein Ehrenamt kann sinnstiftend sein....überhaupt, anderen zu helfen, das empfinden auch viele als sinnvoll, auch wenn das heute ein bisschen altmodisch klingt. Menschen, die gerade einen schweren Schicksalsschlag hatten, arbeitslos geworden sind, oder verwitwet, denen fehlt oft jeglicher Lebenssinn, und das dauert dann manchmal sehr lange, bis man wieder etwas gefunden hat, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen. 

 

Zum anderen helfen gesunde Beziehungen. Es gibt mittlerweile viele Langzeitstudien darüber, wie schützend gute Beziehungen für die seelische Gesundheit sind. Der Partner, die Familie, gute Freunde, die Kollegen, die Sportgruppe, Nachbarn und viele mehr. Gerade in schwierigen Lebensphasen ist das so wichtig, weil man sich mit einem guten sozialen Netz aufgehoben und gestützt fühlt. Als junge Ärztin habe ich erlebt, wie Psychologen an einem amerikanischen Krankenhaus um neue Patienten geworben haben mit dem Slogan „rent a friend“ – also miete dir einen Freund. Das fand ich schockierend. Gute Freunde, das sind die, die man auch nachts um drei Uhr anrufen könnte, wenn es einem richtig schlecht geht, und denen man das erzählen kann, was man auch einem Psychologen oder Arzt anvertrauen würde – die sollte man nicht mieten müssen (Randbemerkung für alle Fälle: natürlich ist ein guter Freund keine Therapeut, soll er auch gar nicht sein, und bei manchen Erkrankungen geht es nicht ohne einen guten Therapeuten – hier geht es um die alltäglichen Dinge, die einen belasten können. Wie der Volksmund sagt „geteiltes Leid ist halbes Leid“). 

 

Zum dritten helfen sinnfreie Träume und Ziele, damit unser Shen immer wieder zum Strahlen kommt. Oft erlebe ich das bei Patienten. Wenn die von einem verrückten Plan, den sie nie umgesetzt haben, oder einem Traum sprechen, dann verändert sich auf einmal die ganze Körpersprache, die Haltung wird aufrechter, die Stimme kräftiger. Wir sind es so gewohnt, immer zu funktionieren und Leistung zu bringen, aber darum geht es hier gerade NICHT. Ziele dürfen auch mal völlig sinnfrei sein, auch wenn viele das von ihrer Arbeit anders gewöhnt sind. Die wichtigsten Ziele, um das Shen zum Leuchten zu bringen, sind alle die Dinge, die uns innerlich lächeln lassen. Das kann für jeden etwas anderes sein: Musik machen in einer Band, der Welpe, von dem man immer geträumt hat, ein Tango-Tanzkurs, Gesangsstunden, ein kreatives Hobby oder was immer man noch an Träumen im Leben hat. So macht es mir zum Beispiel neuerdings richtig Freude, Artikel für diese Seite zu schreiben. Da vergesse ich die Zeit. Genauso geht es mir beim Sport. Beim Kochen. Beim Malen. Bei einer Tasse Kaffee mit einer Freundin. Bei einem Bummel in der Stadt. Als unser Kater noch gelebt hat, mit dem schnurrenden Kater da sitzen und einfach nix tun. Da musste ich immer ganz von ganz alleine lächeln. Um diese Dinge geht es. Wenn ich Patienten danach frage, dann fällt ihnen oft gar nichts dazu ein. Da besteht der Tag manchmal nur aus Pflichten. Dabei zählen diese vielen Momente am Ende des Tages, wie es einem geht. Aus chinesischer Sicht wird so immer wieder unser Shen, der Geist des Herzens, gestärkt. Shen wird in der TCM dem Herz zugeordnet, und so wundert es nicht, dass all die Dinge, die wir uns „zu Herzen nehmen“, Shen schwächen, und umgekehrt Dinge, die unser Herz „vor Freude hüpfen lassen“, Shen stärken. 

Und wer sagt, ist ja schön und gut, aber dafür habe ich keine Zeit….die Woche hat 168 Stunden. Von denen jeder vermutlich um die 56 Stunden verschläft und weitere 40 bis 60 mit Arbeiten verbringt. Viel mehr als 60 Stunden arbeiten die wenigsten. Bleiben rechnerisch noch mindestens 52 Stunden übrig……also da wäre schon Zeit für schöne Dinge - bei jedem!!

 

Eine Erklärung zum Ende noch: Menschen, die einen gesunden „Shen“ haben, gibt es in allen möglichen Variationen, laut und leise. Dieses „innere Strahlen“ darf man nicht verwechseln mit Extrovertiertheit. Es gibt auch sehr schüchterne, stille Menschen, die eine unglaubliche Ausstrahlung haben, die freuen sich einfach nur ein bisschen leiser. Und es gibt extrovertierte Menschen, die sich hinter ihrer heiteren Fassade völlig leer und ausgebrannt fühlen. Und im Regelfall merkt man es selbst am besten. Wenn man morgens aufwacht und sich einfach nur freut auf den schönen Tag, selbst dann, wenn es Montag ist und der Tag prall gefüllt mit Arbeit, dann ist im Regelfall alles in Ordnung mit dem Shen.

 

Photo by Lesly Juarez on Unsplash  

 

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