die besten Tipps bei Reizdarm

Die meisten Patienten sprechen das nicht an und vielen ist es unangenehm. Dabei ist Reizdarm (oder Colon irritabile, oder IBS, irritable bowel syndrom) hierzulande eine sehr, sehr häufige Diagnose. Viele meiner Patienten klagen über Bauchschmerzen, Krämpfe, Blähungen, Verstopfung oder Durchfälle. Die Beschwerden verschlechtern sich oft, aber nicht immer, bei Stress. Die Symptome sind für die Betroffenen oft sehr belastend. Meist wird dann die Diagnose Reizdarm von einem Facharzt gestellt, und das ist eine so genannte Ausschlussdiagnose, darf also streng genommen erst gestellt werden, nachdem andere Ursache für die Bauchbeschwerden ausgeschlossen werden konnten – und das ist zum Glück recht häufig der Fall.

Was viele Patienten nicht wissen: in China ist diese Erkrankung bei weitem nicht so verbreitet wie bei uns. Menschen mit Reizdarm leiden oft außerdem an Erschöpfung, wiederkehrenden Konzentrationsproblemen, niedergeschlagener Stimmung, dumpfen Kopfschmerzen oder auch ausgesprochene Stressbelastung im Alltag. In der TCM sind solche Informationen wichtig, und hierauf baut sich die Behandlung auf, die meist aus einer Kombination mit Akupunktur und Ernährungsempfehlungen durchgeführt wird. 

 

Zwar ist die Behandlung immer individuell, aber dennoch gibt es ein paar allgemeine Dinge, die den meisten Patienten mit einem angeschlagenen Darm gut tun:

 

Ein wichtiges Thema ist die Ernährung. Viele Patienten sind schon ganz unsicher, was sie essen können und was nicht, haben schon die verschiedensten Ernährungsformen probiert und streichen nach und nach auch jede Menge gesunder Nahrungsmittel aus dem Speiseplan und essen zunehmend einseitig. Leider stellt sich die Darmflora darauf ganz schnell ein, und bestimmte Darmbakterien verändern sich dann, was die Verdauung zunehmend erschwert. So kann es dann passieren, dass Lebensmittel, die eigentlich einen günstigen Effekt haben. weggelassen werden. Dann macht es Sinn, diese anfangs erstmal in winzigen Mengen zu essen, bis sich der Darm wieder daran gewöhnt hat.

Vermutlich ist das nichts Neues, aber wichtig ist es, sich Zeit zu nehmen und in Ruhe zu essen. Man sagt nicht umsonst, die Verdauung fängt im Mund an. Auch die Stimmung, in der man isst, spielt eine Rolle für das komplexe Zusammenspiel der Verdauung –lieber nichts essen, als mit viel Ärger oder unter starkem Stress zu essen.

Unsere Ernährungsgewohnheiten lassen einen chinesischen Arzt regelrecht verzweifeln. Morgens Müsli mit Joghurt oder Quark, mittags ein belegtes Brot und abends ein Tiefkühlgericht, dazu noch jede Menge Fertigprodukte, viel zu viel Zucker und künstliche Zusatzstoffe – aus Sicht der Chinesen ist es kein Wunder, wenn der Darm da rebelliert. Also in diesem Punkt wirklich ehrlich mit sich selbst sein, und die eigene Nahrung mal kritisch unter die Lupe nehmen und eine Weile konsequent sein. Öfter leichte, warme, frisch gekochte Gerichte essen, Gemüse, Naturreis, Suppen. Auch die Angewohnheit, die viele Menschen haben, den ganzen Tag zu snacken und ständig zu essen ist nicht gut - der Darm braucht ab und zu mal eine Pause.

Aus Sicht der TCM empfiehlt es sich, folgende Lebensmittel mal einige Zeit konsequent zu meiden - mit der Zeit findet man das selbst am besten heraus, was einem bekommt, und was der Darm übel nimmt.

Milchprodukte

Diese gelten in der TCM bei Darmbeschwerden als ausgesprochen problematisch. Schwer verdaulich, schleimbildend – kurz, in den meisten Fällen nicht gut. Zudem vertragen viele Menschen den Milchzucker nicht (mehr). 

Es gibt so viele vegane Alternativen, dass das den meisten Patienten nicht so schwer fällt. 

Zucker 

Zucker verändert die Darmflora ungünstig und das hat wiederum einen Einfluss auf die Bildung der so genannten Wohlfühlhormone, wie Serotonin und Dopamin. Zucker sollte eigentlich jeder in möglichst kleinen Mengen essen, aber Menschen mit Reizdarm sollten ihn mal eine Zeit meiden. Zucker ist auch in vielen Fertigprodukten enthalten, wo man es nicht auf den ersten Blick vermutet. Und noch ein Hinweis für das in Maßen eigentlich sehr gesunde Obst: Obst enthält je nach Sorte teilweise große Mengen an (Frucht)zucker, und vielen Patienten mit Darmbeschwerden tut es gut, Obst mal vorübergehend etwas zu reduzieren - Gemüse ist das bessere Obst! Beeren sind relativ zuckerarm, aber gerade Früchte wie Bananen, Trockenfrüchte enthalten viel Fruktose, den einige Patienten mit Reizdarm in größeren Mengen nicht gut vertragen.

Weizen

Weizen hat in der TCM von allen Getreiden eine problematische Sonderstellung. Das im Weizen enthaltende Gluten tut den Darmzotten keinen Gefallen. Gluten ist ein richtiges Klebmittel, auf das Patienten mit Reizdarm möglichst mal eine Weile ganz verzichten sollten. 

 

Und es gibt einige Lebensmittel, die bei Reizdarm richtig gut tun. Zum einen gute Fette und Öle, Leinöl, Olivenöl, Kokosöl, Avocados, Omega 3 Fettsäuren aus Fischöl. Wichtig für die gesunde Darmflora sind auch genügend Ballaststoffe. Etwa 30 g Ballaststoffe am Tag sollten es sein, die meisten essen deutlich weniger. Gemüse und Hülsenfrüchte zum Beispiel liefern viele Ballaststoffe und Listen dazu gibt es im Internet. Wer genug Ballaststoffe nicht mit der Ernährung allein schafft, der kann auch zusätzlich zu Flohsamenschalen, Leinsamen, oder Haferkleie oder Ähnlichem greifen– natürlich IMMER mit reichlich Flüssigkeit dazu, sonst hat man mehr Schaden als Nutzen.

Viel Trinken, das ist auch ein wichtiger Tipp. Mit viel Trinken meine ich überwiegend das, was den Körper am besten spült, nämlich Wasser. Mal was Anderes zu trinken ist natürlich auch okay. Manchen bekommt es besser, VOR der Mahlzeit zu trinken, als so viel dazu zu trinken, das kann man ausprobieren.

Und darauf achten, dass der Säure-Basenhaushalt ausgeglichen bleibt, die Nahrung also genug basenbildende Lebensmittel (also genug Gemüse, Kräuter, Sprossen, Kartoffeln etc.) und wenig säurehaltige Lebensmittel (tierisches Eiweiß, Zucker, Limonaden, Fertigprodukte etc.) enthält. Listen zu basischer Ernährung finden sich im Internet. Eine überwiegend pflanzenbetonte Ernährung tut der gesunden Darmflora sehr gut, auch wenn viele Patienten mir anfangs immer wieder versichern, was sie alles davon nicht vertragen. Das muss man schrittweise wieder aufbauen, eventuell anfangs Gemüse in pürierter, gekochter Form essen, manche vertragen auch grüne Smoothies sehr gut. Auch frisches Sauerkraut oder andere sauer vergorene Lebensmittel sind günstig, ruhig immer wieder versuchen. Viele vertragen auch ausgesprochen gut erkaltete Pellkartoffeln - die darin enthaltene resistente Stärke wirkt günstig auf die Darmflora.

In der TCM gibt es eine Organuhr – danach verdaut der Darm am besten am Vormittag und Mittag. Wer spätabends seine Hauptmahlzeit isst, muss sich aus chinesischer Sicht nicht über Darmbeschwerden wundern. Die gleiche Vorstellung gibt es übrigens auch in der indischen Ayurveda-Lehre. Auch das heute so beliebte 16:8 Fasten und Weglassen des Frühstückes ist für Menschen mit Darmbeschwerden nicht die beste Wahl – dann lieber morgens und mittags essen und abends fasten - ab und zu eine Mahlzeit auslassen oder auch mal ein längeres Zeitfenster zu fasten tut vielen Patienten mit Reizdarm übrigens sogar ausgesprochen gut.

 

Behandlung mit Mikronährstoffen und Naturheilkunde 

Es gibt es eine große Bandbreite an Mikronährstoffen, die positive Effekte auf den gesunden Darm haben. Genügend Omega-3 Fettsäuren können einen schützenden Effekt haben. Auch Melatonin, das körpereigene Schlafhormon, scheint eine positive Wirkung bei Reizdarm zu spielen. Von Eigenexperimenten mit Melatonin rate ich aber ab, das sollten Sie mit ärztlicher Unterstützung machen. Eher bekannt dagegen ist die Wirkung von Vitamin D. Genau genommen ist Vitamin D gar kein richtiges Vitamin sondern eher eine Hormonvorstufe mit unzähligen positiven Wirkungen. Am Darm schützt es die günstige Darmflora, indem es eine Fehlbesiedlung des Dünndarms verhindert. Jeder sollte seinen Vitamin-D Spiegel kennen, aber Reizdarm-Patienten besonders, um eventuell einen Mangel (der hierzulande häufig ist!) ausgleichen zu können. Neue Studien weisen darauf hin, dass ausreichend hohe Vitamin-Spiegel auch vor schweren Krankheitsverläufen bei Corona schützen können, aber das nur am Rande. Auch Magnesium kann einen positiven Effekt bei Darmbeschwerden haben. 

 

Relativ unbekannt ist die Wirkung eines Eiweißbausteins, der Aminosäure Glutamin. Sie kommt in der Nahrung zwar meistens ausreichend vor, aber für Patienten mit Reizdarm kann es sich lohnen, Glutamin zu supplementieren (auch hier empfehle ich ärztliche Unterstützung). In Studien konnte eine sehr positive Wirkung gezeigt werden. Zudem unterstützen die Gabe von Vitamin C und Zink die Regeneration der Haut und Schleimhäute. Auch hier rate ich von Eigen -Experimenten ab – so viele Menschen nehmen teilweise über Jahre irgendwelche Mikronährstoffe ein, ohne die gesamte Bio- Chemie im Blick zu halten.

 

Bewegung

Der Darm liebt Bewegung. In jeder Form. Sport. Spazieren gehen. Hausarbeit. Stehen. Laufen – alles, nur nicht stundenlanges Sitzen. 

 

Routine

Der Darm liebt Routine. Feste Essenszeiten. Feste Schlafenszeiten. Gewohnheiten – das liegt daran, dass der Darm auch Ruhezeiten und Aktivitätszeiten hat, und je regelmäßiger das ist, umso einfacher. Das haben Sie vermutlich schon bemerkt, wenn Sie im Urlaub mal eine Zeitumstellung hatten. Man muss nicht die Stopp-Uhr stellen, aber eine gewisse Routine im Tagesablauf und beim Essen kann günstig sein. 

 

Stress-Abbau

Der Darm hasst Stress. Bei manchen Patienten ist der Reizdarm so ein bisschen der „körpereigene Seismograph“. Dass gerade alles zu viel wird. Dass Streit in der Luft hängt. Dass man im Job etwas ändern muss. Manchmal muss man auch bisschen auf seinen Körper hören, wenn er feine Signale schickt. In der TCM sagt man, der Darm reagiert insbesondere sehr sensibel auf Trennungen, Abschiede, Trauer, Verlust - so berichten mir tatsächlich viele meiner Patienten, dass ihre Darmbeschwerden nach einschneidenden Lebensereignissen erstmals auftraten oder sich da verschlechtert haben.

 

Psyche

Ständiges Grübeln, Kummer und Sorgen sollte man so klein halten, wie es geht. Aus Sicht der TCM gibt es eine Verbindung zwischen dem Gehirn und der Verdauung. So wie der Volksmund sagt, „das muss ich erstmal verdauen“, wenn man eine schlechte Nachricht hört. Viele Patienten mit Reizdarm neigen dazu, sich viele Sorgen zu machen, haben häufig eine gedrückte Stimmung, grübeln viel und machen sich über alles Mögliche negative Gedanken – das mag der Darm aus Sicht der Chinesen gar nicht!! Und, ganz wichtig, bei vielen meiner Patienten mit Reizdarm dreht sich der ganze Tagesablauf nur noch um die Verdauung. Jemand, mit einer normalen Verdauung, der weiß manchmal gar nicht, wann er auf der Toilette war. Das wäre aus chinesischer Sicht sehr günstig, wenn man sich da wieder eine gewisse Gelassenheit antrainieren würde und nicht jede Regung im Bauch ängstlich beobachten – das ist wirklich nicht hilfreich!

Darmflora unterstützen

es gibt hierzu die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Manchmal reicht eine Ernährungsumstellung nicht aus, und es ist sinnvoll, eine Zeitlang Präparate einzunehmen, die den Darm und die Darmflora unterstützen.

 

Akupunktur

Reizdarm lässt sich hervorragend mit Akupunktur behandeln, das wissen leider die wenigsten. Oft ist schon nach wenigen Sitzungen schon eine deutliche Besserung zu spüren. Und fast immer bessern sich die übrigen Beschwerden auch. Um einen Reizdarm vernünftig zu behandeln braucht es manchmal ein wenig Geduld. Insbesondere  die Ernährungsumstellung fällt vielen Menschen etwas schwer. Aber wer sich da mal aufrafft, und das eisern ein paar Wochen durchzieht, der merkt meistens so drastische Verbesserungen, dass man gar nicht mehr anders essen möchte. 

 

Aus chinesicher Sicht ist ein gesunder Darm, und damit eine „gesunde Mitte“ unser wichtigstes Fundament. Auch in der Schulmedizin wird viel geforscht über das Mikrobiom im Darm und die vielfältigen Wirkungen - auf die Bildung von Hormonen, auf die Psyche, auf das Immunsystem, um nur einige zu nennen. Ist “die Mitte” gesund, dann geht es meistens dem ganzen Rest auch gut - insofern lohnt es sich, auf den Darm gut aufzupassen und ihm die Arbeit ein bisschen zu erleichtern.

 

Photo by Taylor Kiser on Unsplash

 

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