chinesische Medizin besser verstehen
Ich gestehe, in meinem allerersten Akupunkturkurs war ich ein wenig überfordert – für einen deutschen Arzt ist das auf den ersten Blick alles ziemlich kompliziert. Hunderte von Akupunkturpunkten gibt es, mit schier endlosen Kombinationsmöglichkeiten. Chinesische Kräuter mit unaussprechlichen Namen. Und ein völlig neues Verständnis von Krankheit und Gesundheit.
Die chinesische Medizin hat im Grunde einen sehr vorbeugenden Ansatz. Es gibt ein alte chinesische Weisheit dazu: „Überragende Ärzte verhindern Krankheiten, mittelmäßige Ärzte heilen noch nicht ausgebrochene Krankheiten und unbedeutende Ärzte behandeln bestehende Krankheiten.“ Insofern ist das Ziel einer Behandlung mit TCM, Ungleichgewichte früh zu erkennen und auszugleichen, BEVOR sie überhaupt zu Krankheiten führen. Hier im Westen wenden sich Patienten leider oft erst dann an einen TCM-Arzt, wenn sie eine lange Krankenodyssee hinter sich haben. Die chinesische Medizin gibt es seit mehreren tausend Jahren – es ist also eine sehr alte Methode. Das ist insofern bemerkenswert, als sich in der Schulmedizin ständig etwas ändert, Medikamente kommen auf den Markt und werden wegen Nebenwirkungen wieder verboten, Operationsmethoden ändern sich und vieles mehr. Da ist die chinesische Medizin im Gegenzug sehr konstant.
Die Grundlagen der chinesischen Medizin zu verstehen, das füllt ganze Bücher. Aber vielleicht kann man sich das ganz grob so vorstellen, wie wir das auch in unserem Volksmund sagen: „mir geht das an die Nieren“, „das sitzt mir im Nacken“. „ich musste das erstmal verdauen“. „ich habe keine Energie“. „Das nehme ich mir zu Herzen“. Und da jeder anders ist, reagiert der eine bei Überlastung mit Hautproblemen, beim anderen rebelliert der Magen und wieder andere sind völlig verspannt. Oder entwickeln ein Ohrgeräusch, auch Tinnitus genannt. Ich wollte gerade mit einem Patienten mit Tinnitus einen Folgetermin für die nächste Behandlung machen. Er konnte aber irgendwie nie. Irgendwann schaut er mich an und sagt „ich glaube, ich habe zu viel um die Ohren“....das war fast so wie im Lehrbuch und wir mussten beide lachen. Und so, wie die Schulmedizin für verschiedene Krankheiten verschiedene Medikamente kennt, so kennt die TCM ganzheitliche Vorgehensweise bei bestimmten Erkrankungen, und dafür muss man auch teilweise ganz andere Fragen an den Patienten stellen.
In der TCM ist es immer wieder das Ziel, eine Balance herzustellen. Das chinesische Symbol dazu ist das Zeichen für Yin und Yang. Wörtlich eigentlich die Schattenseite (Yin) und die Sonnenseite (Yang) eines Berges. So steht Yin auch für die Nacht, die Erholung, für Ruhephasen, aber auch für das Weibliche, für bestimmte Organe im Körper, und vor allem für die Ruhe. Yang steht für den Tag, für „in-Aktion-sein“, konzentriert arbeiten, und vieles mehr.
Und unser Alltag ist oft geprägt von „zu viel Yang- zu wenig Yin“. Viele Menschen sind häufig angespannt und haben viel Stress, stehen im Alltag ständig unter Strom, müssen im Berufsleben „ihren Mann stehen“ – alles sehr „Yang“-lastig und haben aber gleichzeitig viel zu wenig „Yin“, zu wenig oder schlechten Schlaf, zu selten Pausen und zu wenig Erholung.
So kann es nach und nach aus chinesischer Sicht zu einem Ungleichgewicht kommen.
Typische Krankheiten aus diesem Komplex sind beispielsweise Kopfschmerzen, Magengeschwüre, Bluthochdruck, Schlafstörungen, Hautprobleme um nur einige zu nennen, aber auch chronische Erschöpfung hat hier oft ihre Wurzel. Aber auch viele orthopädische Beschwerden, Verspannungen, Sehnenprobleme etc. können hier ihren Ursprung haben. Also zu viel Anspannung, und zu wenig Entspannung, oder, chinesische gesagt, zu viel Yang und zu wenig Yin. Das kann übrigens auch bei Sportlern passieren, die ständig ihre Muskeln trainieren und vergessen, dass die Muskeln auch mal eine Erholung brauchen.
Hierzulande die bekannteste Methode der TCM ist sicherlich die Akupunktur. Allerdings gibt es noch viel mehr: die Ernährung nimmt einen großen Stellenwert ein, viel mehr, als wir das aus der Schulmedizin kennen. Um genau zu sein habe ich im Studium nicht besonders viel über die richtige Ernährung gelernt. Zudem gibt es die Kräutertherapie, Massagen, Qi-Gong, Tai Qi. Und, ganz wichtig: die Lebensweise. So viele Krankheiten kann der Patient mitbeeinflussen. Mein chinesischer Kollege hat immer gesagt, „die Hälfte der Behandlung übernehme ich, die andere Hälfte übernehmen Sie“ – und dann hat er dazu Tipps gegeben. Die manchmal fast banal klangen („gehen Sie doch jeden Tag mal eine halbe Stunde im Wald spazieren“, um nur ein Beispiel zu nennen). Aber manchmal ist Medizin gar nicht so kompliziert, und wer immer nur durch den Tag hetzt, den muss man auch mal an die Pausen erinnern. Oder an die Massage nach dem Sport. Oder daran, dass Alkohol kein Durstlöscher sein sollte. Oder daran, dass 6 Stunden Schlaf auf Dauer einfach nicht reichen. Überhaupt, der gute Schlaf ist in der chinesischen Medizin fast so heilig wie das gute Essen – sozusagen die Basis für eine gute Gesundheit.
Neben der körperlichen Verfassung spielt die Stimmung eine große Rolle – die sollte überwiegend (immer schafft niemand!) heiter und ausgeglichen sein. Wer ständig angespannt oder gereizt ist, oder traurig und sentimental, oder wer ständig grübelt, oder unter Ängsten leidet - das kann ein Hinweis sein, dass etwas nicht im Gleichgewicht ist.
Eine weitere wichtige Vorstellung in der TCM ist die Theorie zu Qi – das spricht sich „Tschi“ und man kann es am ehesten mit Energie übersetzen. Nach chinesischem Verständnis wird der gesamte Körper mit einem Energienetz versorgt und an manchen Punkten, den Akupunkturpunkten, können wir diese Energie beeinflussen – und je nach Krankheit zum Beispiel stärken oder abschwächen, oder umleiten. Viele Erkrankungen haben nach der TCM-Theorie ihre Wurzel in einem Mangel oder einem Stau an Qi.
Im Westen wurde viel zu den Akupunkturpunkten geforscht und wir wissen heute viel mehr darüber. Tatsächlich gibt es auch schulmedizinische Theorien darüber, wie die Akupunktur zum Beispiel bei Schmerzen funktioniert. Warum man aber bei manchen Punkten tiefer schläft, oder weniger Hunger hat, oder eine bessere Stimmung, oder sich Allergien bessern – das ist bis heute nicht restlos erforscht. Chinesische Ärzte amüsiert das, dass wir im Westen das immer so genau wissen möchten – die wissen einfach, dass das wirkt, da wird keine große Sache daraus gemacht.
Viele chinesische Ärzte tasten die Akupunkturpunkte. Das kann man mit etwas Übung auch gut lernen. Manchmal zeige ich das meinen Patienten, damit sie auch zuhause diese Punkte massieren können und somit Akupressur machen können. Man kann an manchen Stellen leichte Dellen, Kuhlen oder auch Zonen finden, wo sich im Gewebe kleine Knötchen befinden. Oft sind diese Punkte auch sehr druckschmerzhaft, und liegen manchmal weit weg vom eigentlichen Geschehen. „Denk immer an die Fernpunkte“ – das war ein häufiger Rat, den ich anfangs oft vergessen habe. Das ist uns westlichen Ärzten am Anfang fremd, dass man bei Kopfschmerzen an den Füßen schauen sollte, oder bei Bauchbeschwerden an der Innenseite der Beine.
Ein TCM- Arzt schaut immer die Zunge des Patienten an und tastet den Puls. Dadurch gewinnt man viele Informationen über das innere System. Und ein chinesischer Arzt untersucht die Patienten gründlich, tastet sehr genau und bei jeder Behandlung auf Neue. Diese Medizin ist entstanden, als es die ganze moderne Diagnostik noch nicht gab. Von daher war eine gute Beobachtungsgabe wichtig: wie die Haut aussieht, oder das Gesicht. Oder alleine die Augen, was man da alles sehen kann: Rötungen, Augenringe, ob die Augen strahlen oder nicht, Schwellungen - alle solche Informationen sind wichtig, um in der TCM zur richtigen Punktauswahl zu kommen.
Und, ganz wichtig, ein TCM-Arzt nimmt sich viel Zeit für den Patienten. Das wird, wenn positive Studienergebnisse zur Akupunktur diskutiert werden, auch immer wieder als Kritik geübt, so in dem Sinne, ist ja kein Wunder, bei so viel Zuwendung muss man ja gesund werden. Aber was, wenn es tatsächlich so einfach ist? Und so simple Dinge wie jemandem nur zuzuhören, das kann wirklich einen großen Unterschied machen, und oft kommen die Leute auf die einfachsten Lösungen dann selbst. Ich habe mir angewöhnt, die Patienten immer so lange sprechen zu lassen, bis sie von alleine aufhören. Das dauert selten länger als 5 Minuten. Ich unterbreche da nicht, höre nur genau zu. Die meisten sind nach maximal einer knappen Minute fertig und fragen mich ängstlich, ob ich überhaupt Zeit habe.
Für mich das Wichtigste: in der TCM wird immer der gesamte Mensch gesehen: wie er isst und trinkt, wie viel oder wenig er sich bewegt, wie seine Stimmung ist, in was für einem Umfeld er lebt, was für Gewohnheitshaltungen er einnimmt, wie viel er sitzt, wie gut sein Schlaf ist und viele Dinge mehr. TCM ist VIEL mehr als nur Akupunktur – es ist eine Lebensweise. Die zwar nicht vor allen Krankheiten schützen kann, aber helfen kann, ein solides Fundament aufzubauen und immer wieder gegen regulieren kann, wenn verschiedene Krankheiten oder Beschwerden auftauchen, und wenn die Lebensweise mal nicht so optimal ausbalanciert ist – und mal ehrlich, wer lebt schon immer balanciert!!
Foto Diana Stein Fotographie Wiesbaden