Ständig erschöpft- die häufigsten Gründe

„Ich bin eigentlich immer erschöpft“ – wie oft höre ich diesen Satz. Erschöpfung ist für viele Menschen fast ein Normalzustand geworden, und das ist es NICHT!!!

 

Zu wenig Erholung

Eine meiner ersten Fragen lautet daher immer: „wie schlafen Sie?“ – in der TCM ist der gute Schlaf fast genauso wichtig wie gutes Essen, und erschöpfte Menschen schlafen fast immer schlecht – zu wenig, zu unruhig. Kurz: nicht erholsam. 

Über Schlaf schreibe ich einen separaten Beitrag. Nur so viel, wenn nachts der Akku nicht aufgefüllt wird, dann bleibt er tagsüber leer. Da nutzt auch ganz viel Kaffee nichts. 

 

Zu viel Koffein

Das ist übrigens meistens meine zweite Frage: „wie viel Kaffee trinken Sie?“ Erschöpfte Menschen funktionieren morgens ohne ihren Kaffee eigentlich nur im Standby- Modus und „brauchen“ erstmal ihre Dosis von ein bis zwei Tassen Kaffee, um überhaupt wach zu werden. Das funktioniert auch, denn Kaffee regt unter anderem die Cortisol-Produktion in den Nebennieren an. Cortisol hat nicht nur schlechte, sondern auch einige gute Wirkungen. Unter anderem sorgt es dafür, dass wir kurzfristig durchaus fitter sind. Allerdings kann gerade ein abendlich erhöhter Cortisolspiegel einen massiv am Einschlafen hindern (das ist übrigens auch der Grund, warum Menschen, die abends noch ein sehr anstrengendes Training machen, oft schlecht einschlafen -auch anstrengender Sport kann die Cortisolausschüttung anregen). Jemand, der sowieso schon erschöpft ist, sollte auf seine tägliche Koffein-Dosis möglichst mal eine Weile verzichten. Ich habe häufig Patienten, die sich den ganzen Tag über mit Kaffee wach halten und auch schon mal 5 Tassen Kaffee und mehr trinken. Und dann abends ein Glas Rotwein oder zwei, um wieder müde zu werden. Was überhaupt keine gute Idee ist, denn Alkohol verschlechtert die Schlafqualität rapide. Auch wenn ich mich da immer ziemlich unbeliebt mache bei meinen Patienten, aber bei Erschöpfung lohnt es sich, für einige Wochen sowohl den Kaffee als auch den Alkohol zu streichen. Leider: zu streichen, und nicht nur zu reduzieren. (Das ist übrigens der Moment, wo ich den Patienten ansehe, dass sie sich überlegen, ob das so eine gute Idee war, mal zu einem Arzt für chinesische Medizin zu gehen....)

 

Ständiger Stress

Dann frage ich eigentlich immer, ob jemand viel Stress hatte oder hat – nichts macht häufiger müde und erschöpft als chronischer Stress. Dabei empfindet jeder Stress anders, nur die körperlichen Reaktionen laufen ähnlich ab. Das kann man tatsächlich auch messen, und manchmal biete ich das Patienten an. Gerade Männer lassen sich oft leichter überzeugen, wenn sie schwarz auf weiß sehen, wie „hochtourig“ ihr gesamtes System läuft, Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol, Dopamin, Serotonin, Melatonin – alle diese Hormone haben ihre guten und weniger guten Wirkungen und sind oft aus der Spur. 

 

Körperliche Ursachen für Erschöpfung

Dann gibt es auch andere Gründe für chronische Erschöpfung. Das können bestimmte Krankheiten sein, Depression zum Beispiel. Auch viele neurologische Erkrankungen gehen mit Müdigkeit einher, Multiple Sklerose und Parkinson beispielsweise. Überhaupt gibt es viele Gründe für Erschöpfung, Schilddrüsenerkrankungen, Eisenmangel, Vitamin- und Nährstoffmangel, chronische schleichende Entzündungen, Herzschwäche und viele mehr. Das ist manchmal geradezu Detektivarbeit, da auf die richtige Fährte zu kommen. Dann ist noch das so genannte „chronic fatigue syndrom“ zu nennen, das gelegentlich nach manchen Virusinfektionen auftritt. Zum Beispiel nach einer Infektion mit dem Eppstein-Barr-Virus. Neuerdings gibt es auch Fälle nach überstandener Corona-Infektion.  

Tatsächlich kann auch längere Fehlernährung zur chronischen Erschöpfung einen großen Beitrag leisten. Der Körper baut sich immer wieder selbst auf, auch alle Hormone müssen immer wieder neu produziert werden. Schon ein geringer Mangel an bestimmten Nährstoffen, Vitaminen oder Spurenelementen kann große Auswirkungen haben. So benötigt beispielsweise die Schilddrüse zur Herstellung der Schilddrüsenhormone genügend Jod, und das fehlt vielen Menschen in der Ernährung.

In der TCM finden wir bei erschöpften Menschen häufig einen Mangel an QI - das spricht man “Tschi” und kann es am ehesten mit “Energie” übersetzen. Unsere westliche Lebensweise trägt nicht gerade dazu bei, dass wir unser Qi immer wieder gut auffüllen, und so ist ein Qi-Mangel in der TCM-Diagnostik tatsächlich sehr häufig. Anders gesagt, die Punkte, die für den Aufbau von Qi wichtig sind, behandle ich im Alltag sehr oft!

Etwas neuer im Fokus der Forschung, und ein Gebiet, was ich sehr spannend finde, ist die Erschöpfung auf der Ebene der einzelnen Zelle, genauer gesagt, der Mitochondrien. Das sind die so genannten „Zell-Kraftwerke“, die eine Vielzahl von positiven Funktionen haben, die aber beispielsweise durch einen Mangel an Mikronährstoffen empfindlich gestört werden können. Regelmäßiger Sport und gute, nährstoffreiche Ernährung dagegen können die Mitochondrien regelrecht trainieren.  

Ebenfalls relativ neu ist der Trend, durch so genannte „Adaptogene“ die körpereigenen Energiereserven zu stärken. Das sind Substanzen, die oft ihre Wurzel in den traditionellen Heilkunden haben, in der chinesischen oder ayurvedischen Medizin beispielsweise, und dort teilweise schon eine lange Tradition haben. Ashwaganda, Rhodiola, Ginseng, Reishi- Pilze, Maca – das sind nur einige dieser Mittel. So etwas kann unterstützend durchaus sinnvoll sein. Allerdings ist das NIE als Ausgleich zu einer schlechten Lebensweise zu sehen und zudem rate ich meinen Patienten, so etwas nicht im Alleingang zu machen, sondern mit ärztlicher Unterstützung. Gerade jüngere Patienten, die über das Internet viel Informationen zu den neuesten Trends wie „biohacking“ haben und mit dem Selbstoptimierungswunsch jetzt auch ihre allgemeine Leistungsfähigkeit verbessern möchten, unterschätzen das oft. Solche Substanzen können kurzfristig eine sinnvolle Ergänzung sein, gehören meiner Meinung nach aber nicht in die Hände von Laien. Und sie sind auf keinen Fall ein Freifahrschein als Gegenpol zu einer Lebensweise auf der Überholspur. 

 (foto @ unsplash zore nehmati)

 

 

 

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