Die Signale des Körpers richtig deuten

Bei meinen Patienten gibt es zwei ganz unterschiedliche Extreme: die einen, die ständig in sich hineinhorchen und hinter jeder kleinen Veränderung direkt eine schwere Erkrankung vermuten, und die anderen, die sämtliche Beschwerden ignorieren oder mit Schmerzmitteln und anderen Mitteln bekämpfen und nur in allergrößter Not zum Arzt gehen. Beides ist ungut. Zum Glück liegen die meisten Menschen irgendwo in der Mitte. 


Für die meisten Symptome gibt es ganz banale Ursachen (häufig!) und ernste Ursachen (glücklicherweise selten!). Nehmen wir das Beispiel Kopfschmerzen, viele Patienten leiden daran. Das ist lästig und unangenehm, aber in den allermeisten Fällen findet sich glücklicherweise keine schwerwiegende Ursache. 

Aber so, wie beim Auto eine Warnlampe aufleuchtet, so können Kopfschmerzen ein Warnsignal sein: zu lange vor dem Bildschirm gesessen und die Augen angespannt? Der Nacken schon seit Tagen verspannt? Ständig Stress und Druck gehabt? Mal wieder Wetterwechsel oder hormonelles Durcheinander? Menschen, die zu Kopfschmerzen neigen, kennen meistens ihre Auslöser.


Nur leider handeln die Menschen nicht danach. Um beim Beispiel Migräne zu bleiben, da finde ich aus Sicht der TCM häufig eine so genannte „Qi-Stauung“. Könnte man frei übersetzen mit „zu viel Druck im System”. Mein früherer chinesischer Kollege hat immer gesagt „zu viel Anspannung, zu wenig Entspannung.“ Das trifft es auch sehr gut. Bei meinen Patienten mit Migräne höre ich das häufig: die stehen so unter Druck, dass sie manchmal gar keine Zeit haben, das überhaupt zu merken. Da ist der Tag minutiös geplant (bei der Akupunktur höre ich dann „heute habe ich direkt danach einen Termin, also 20 Minuten geht, aber länger auf gar keinen Fall“).


Es kann hilfreich sein, sich in solchen Momenten einfach mal kurz hinzulegen, am besten auf den Rücken, die Arme und Beine locker ausgestreckt - diese Haltung heißt Shavasana oder die Totenstellung, viele kennen sie vom Yoga. Das ist auch für die Akupunktur eine ausgesprochen gute Haltung. In dieser Position ein paar tiefe Atemzüge nehmen und den Körper spüren: wo sind Verspannungen? Wo kann man gar nicht richtig locker lassen? Wohin fliesst der Atem? Wo schmerzt es? Ist das Gesicht entspannt, was machen die Kiefermuskeln? Viele meiner Patienten tragen nachts eine Schiene, weil sie so stark mit den Zähnen knirschen.  Der Volksmund sagt nicht umsonst „jemand ist verbissen“. 


Überhaupt gibt es in der deutschen Sprache sehr viele schöne Redewendungen, die sehr gut zu den ganzheitlichen Zusammenhängen der TCM passen: 

„Mir sitzt etwas im Nacken“ , „na, der hat schon eine Last zu tragen“, man hat sich „etwas aufgeladen“

oder auch: „ich habe die Nase voll“, oder „da schwillt mir der Hals“. Oder die berühmte Laus, die über die Leber läuft und nicht etwa über die Nieren oder den Magen. Genauso wie „jemandem die Galle überläuft“. 

Oder auch „es zieht mir den Boden unter den Füßen weg“ bzw. das Gegenteil „jemand steht mit beiden Beinen im Leben“. 


Manche Menschen neigen dazu, die körperlichen Signale zu „überinterpretieren“ - ich könnte auch sagen, sie sind Hypochonder. Das kann durchaus Vorteile haben, denn das sind Menschen, die regelmäßig zur Vorsorge gehen und bei unklaren Beschwerden rasch zum Arzt gehen. Ansonsten kann das unglaublich viel Kraft kosten, denn diese Menschen verbringen Stunden damit im Internet ihre Symptome zu suchen,, zum Beispiel „Bauchschmerzen“ und landen dann bei Foren für Menschen mit Dickdarmkrebs und sind nach einer schlaflosen Nacht völlig davon überzeugt, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden - oft gibt es dazu eine Erklärung aus der eigenen Geschichte: vielleicht hat ein nahestehender Mensch eine schlimme Krankheit entwickelt, oder man hatte mal Pech, und wurde ärztlich schlecht beraten und Krankheiten wurden sehr spät entdeckt. Manchmal ist das so ausgeprägt, dass es sich lohnen kann, psychologische Hilfe zu suchen. 


Auf der anderen Seite gibt es die Patienten, die alles konsequent ignorieren. Und damit oft schlimmer machen! Leichte Zahnschmerzen? Kein Grund zum Arzt zu gehen, etwas Gurgeln wird schon helfen. Dahinter stecken auch oft unangenehme Erfahrungen oder Ängste und mit der „Kopf- in den Sand-Methode“ hofft man auf ein Wunder. Nur tritt das meistens nicht ein, im Gegenteil, die Beschwerden werden oft mehr. Aus der Kleinigkeit beim Zahnarzt wird dann eine größere Behandlung und bei schweren Erkrankungen ist es fast immer schwieriger, wenn es ordentlich „verschleppt“ wurde. 


Am besten fährt man meiner Meinung nach mit einer Strategie zwischen diesen beiden Extremen. Wobei ich persönlich immer gute Erfahrungen damit gemacht habe, meine Patienten zu ermuntern, im Zweifelsfall lieber einmal zu viel als einmal zu wenig zum Arzt zu gehen. Man muss definitiv nicht bei jeder Temperaturerhöhung oder bei jedem Magen-Grummeln einen Arzt aufsuchen, aber entscheidend ist es, auf das eigene Gefühl zu hören, das ist meistens richtig. 


Noch ein Tipp, um die Intuition für die Bedürfnisse des Körpers (und der Seele!) etwas besser zu schulen. Man kann sich mal für eine bestimmte Zeit angewöhnen, regelmäßig in sich hineinzuhorchen. Im Idealfall wird eine Gewohnheit daraus: 

Wie fühlt man sich morgens nach dem Aufwachen? Frisch und erholt? Oder wie gerädert? Auf was für Nahrungsmittel hat man Appetit? Ständig Hunger oder kein guter Appetit? Wie ist die Verdauung, wie fühlt sich der Bauch an? Wie ist die Atmung, ruhig und tief, oder oberflächlich und gepresst? Wo treten eventuell Schmerzen auf? Wann? Ist man tagsüber voller Energie und meistens in guter Stimmung? Wie ist die Stimmung allgemein, ruhig, heiter und ausgeglichen, oder angespannt, nervös, ängstlich, traurig, deprimiert, wütend? Wie ist der Schlaf, tief und erholsam, oder unruhig und unterbrochen? Diese Liste lässt sich lang fortsetzen. 

So eine Übung kann man mehrmals am Tag machen und das dauert nur wenige Minuten. Im Idealfall trainiert man es dann immer besser, den Alltag darauf abzustimmen und kleine Kurskorrekturen vorzunehmen- gerade an hektischen Tagen- da ist das umso wichtiger.



Photo by Jose Aragones on Unsplash

Zurück
Zurück

10 natürliche “Booster” für ein starkes Immunsystem

Weiter
Weiter

Abnehmen - eine ehrliche Anleitung