Gute Vorsätze: 11 Tipps für bessere Ernährung
Pünktlich zum Jahresanfang gibt es wieder in jeder Zeitschrift Empfehlungen zum Abnehmen und zu gesunder Ernährung. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine andere Ernährungsweise als die einzige Heilsbringende angepriesen wird – Paleo, vegan, low carb oder ketogen? Intermittierendes Fasten? Eines vorneweg: es gibt nicht DIE perfekte Ernährung, die für alle passt. Unsere Körper und unsere Anforderungen sind nun mal unterschiedlich. Aber es gibt ein paar Grundsätze, die das Thema Ernährung vielleicht etwas leichter machen.
Zunächst einmal, das was wir jeden Tag essen, hat einen enormen Effekt auf unser körperliches Befinden – auf das Verhalten, auf die Stimmung, auf die Bildung von Hormonen, auf das Hungergefühl, auf die Darmflora. Viele Menschen machen aber niemals die Verbindung zwischen „ich fühle mich schlecht/ich habe keine Energie/ meine Stimmung ist schlecht/ meine Haut ist schlecht/ich habe im ganzen Körper Entzündungen/ ich habe dauernd Heißhungerattacken...“ und ihrer Ernährung.
Es gibt zum Beispiel eine enge Verbindung zwischen dem Darm und dem Gehirn. Die Darmbakterien geben ständig Signale an das Gehirn ab, produzieren selbst Hormone, je nachdem, wie jemand isst und trinkt. Die Darmflora wiederum stellt sich immer darauf ein, was sie zu verdauen bekommt. Jemand, der viel Zucker ist, hat eine ganz andere Darmflora, als jemand, der viele Ballaststoffe und viel Gemüse isst. Das führt dann langfristig dazu, dass man auf die Dinge, die man häufig isst, auch immer wieder mehr Appetit bekommt.
Meiner Erfahrung nach wissen die meisten Menschen grob, was gesund ist, und was nicht gesund ist. Dass Gemüse gesund ist, und Süßigkeiten ungesund. Dass aber das Essen von vielen Fertiggerichten automatisch den Appetit auf noch mehr Fertigessen fördert, einfach weil die Darmbakterien das mit beeinflussen, das wissen viele Menschen nicht. Oder dass das so genannte Wohlfühlhormon, das Serotonin, zu einem sehr großen Anteil im Darm produziert wird, und es ganz wichtig dafür ist, eine gesunde Darmflora zu haben, das wissen viele Menschen auch nicht. Je schlechter es dem Darm geht, desto weniger Serotonin wird hergestellt – nicht gut für die Stimmung. Bei depressiven Patienten fragen ich IMMER nach ihren Ernährungsgewohnheiten, und viele sind ganz erstaunt, wie viel besser es ihnen geht, wenn sie mal eine Zeit lang die Ernährung umstellen.
Gerade bei meinen jüngeren Patienten besteht momentan oft eine Tendenz, sich sehr viele Gedanken um die „richtige“ Ernährung machen, was durch die sozialen Medien noch verstärkt wird. Viele pendeln dann zwischen „ich lebe super gesund“ und Heißhungerattacken auf alle möglichen ungesunden Dinge. Das gesunde Maß liegt meistens irgendwo in der Mitte. IMMER gesund zu essen, das ist ein Ziel, das für viele unerreichbar ist, und wenn man es schafft, überwiegend, also so etwa 80-90 Prozent gesunde Nahrung zu sich zu nehmen, dann ist man schon auf einem guten Weg. Vielen Menschen hilft es, die Ernährung nicht so schwarz- weiß in “gesund” und “ungesund” einzuordnen, sondern eher als “nährstoffreich” (also randvoll mit Vitaminen, Mineralien etc) und “nährstoffarm” anzusehen - und die Nährstoffe brauchen wir einfach. Da schlägt der Brokkoli die Cola um Längen…….
Für eine gute Ernährungsumstellung ist es sinnvoll, sich erstmal klar zu machen, was man damit bezwecken möchte? Besser aussehen? Mehr Energie haben? Fett verlieren? Keine Heißhungerattacken mehr haben? Gesünder werden? Eine Ernährungsumstellung sollte sich niemals wie eine Bestrafung anfühlen, man sollte sich eher darauf freuen, offen dafür sein, es muss lecker schmecken, und es muss einem leicht fallen, und sich nicht wie Verzicht anfühlen. Essen ist etwas Schönes, mit dem man aus chinesischer Medizin ganz nebenbei mehrmals am Tag seine Energien wieder auffüllen kann, und Essen sollte pure Freude und Genuss und kein Stress sein.
Jemand, der Nudeln und Kartoffeln liebt, der wird mit einer Low-Carb Ernährung vermutlich unglücklich. Und jemand, der gerne Süßes isst, braucht hierfür vielleicht eine gute Lösung. Oder kurz gesagt, eine Ernährungsumstellung, die einem nicht schmeckt, kann man vergessen.
Die folgenden Tipps können helfen, wenn man die Ernährung verbessern möchte:
1.
Nur bei echtem körperlichen Hunger essen. Viele Menschen essen ständig aus allen möglichen anderen Gründen. Aus Langeweile. Weil es gerade so gut schmeckt. Aus Frust. Um sich zu belohnen. Aus Kummer. Weil man Home-Office macht und der Kühlschrank die einzige Ablenkung ist. Weil es gerade 12 Uhr ist. Und aus tausend anderen Gründen - nur selten aus Hunger. Der Mensch kann ganz problemlos auch längere Phasen ohne Essen überstehen, und wir wissen immer mehr darüber, wie gut es für viele körperliche Vorgänge ist, wenn wir mal eine kurze oder auch längere Fastenphase haben.
2.
Genug „gutes Essen“ essen, das nährt und dem Körper gut tut. Die meisten Ernährungsprogramme funktionieren nach dem Prinzip, „lass das weg, lass jenes weg“ zum Beispiel: „lass den Zucker weg. Lass die Kohlenhydrate weg. Iss kein Fleisch.“ Was wir dabei oft vergessen: um gut zu funktionieren braucht der Körper Baustoffe: Eiweiße, gute Fette, Mikronährstoffe, also Vitamine und Mineralstoffe, Ballaststoffe. Nährstoffe also. Und wenn die fehlen, dann ist das etwa so, als würde man ein Haus bauen und nur die billigsten Baumaterialien verwenden. Vielen Menschen, die dauernd Hunger haben, fehlen schlicht genug Nährstoffe. Und oft ist Heißhunger ganz einfach Nährstoffmangel. Schon ein leichter Magnesiummangel kann beispielsweise Heißhunger fördern.
Deswegen: genug hochwertige LEBENS-Mittel essen:
Genug gute und abwechslungsreiche Proteine, also Eiweiß essen– möglichst abwechslungsreich, und aus heutiger wissenschaftlicher Sicht möglichst viel Eiweiß aus pflanzlichen Quellen essen, tierische Eiweiße möglichst selten – früher gab es den Sonntagsbraten und freitags Fisch, das wäre eine gute Orientierung für alle, die nicht vegetarisch oder vegan leben möchten. Eiweiß ist ein Baustoff für die Muskulatur, für die Immunzellen und die Immunabwehr, für eine gesunden und schöne Haut und für vieles mehr. Etwa 0,8g bis 1 g Eiweiß pro Kilo Körpergewicht ist für die meisten Menschen ein gutes Maß, Sportler, Schwangere oder Menschen, die Diät halten, brauchen etwas mehr. Viele ältere Menschen essen deutlich zu wenig Eiweiß.
Genug gute Fette essen. Jahrelang wurde uns eingetrichtert, wie schädlich die Fette sind. Dabei sind bestimmte Fette unerlässlich, damit alle körperlichen Vorgänge gut funktionieren, für die Haut, für die Bildung von Hormonen und für viele andere Körperfunktionen. Insbesondere die Omega 3- Fettsäuren, die für viele Stoffwechselprozesse wichtig sind, sind in unserer Nahrung oft zu wenig vorhanden, und können gerade bei Veganern (neben dem Vitamin B12) problematisch sein. Unser Gehirn und das Nervensystem besteht zum Beispiel zu einem großen Teil an Fett und sind auf die regelmäßige Zufuhr von bestimmten Fetten angewiesen. Gute Fettquellen sind Lebensmittel wie Fett aus Seefischen, Nüsse, Avocados, oder auch in Maßen ein gutes Öl. Kokosöl, Leinöl, Olivenöl sind zum Beispiel in Maßen günstig. Über Fette in der Ernährung schreibe ich noch einen separaten Beitrag, weil das ein großes und sehr komplexes Thema ist.
Genug Gemüse essen. Man kann das gar nicht oft genug sagen. Kaum ein Lebensmittel hat so vielfältige, positive Wirkungen auf den Körper wie Gemüse. Es hat viele Ballaststoffe, was günstig für die Darmflora ist. Gemüse ist vitaminreich und hat jede Menge so genannter Anti-Oxidantien, die muss man sich vorstellen, wie so eine Art Rostschutz von innen, Anthocyane, Lycopine, Carotinoide, um nur einige zu nennen. Wer partout kein Gemüse mag, der kann sich vielleicht mit selbst gemachten Smoothies anfreunden. Oft macht die Zubereitung einen Unterschied, ich esse zum Beispiel viele Gemüsearten lieber gebraten oder im Ofen gegrillt, als gekocht. Und ich mixe gerne verschiedene Gemüse. Oder die Gewürze, mal mit Curry-Pasten oder verschiedenen orientalischen Gewürzen experimentieren. Dann findet jeder sein Lieblingsgemüse.
Genug Ballaststoffe essen – diese sind, alles andere als der Name sagt, kein unnötiger Ballast, sondern unter anderem ausgesprochen wichtige Nahrung für die Darmbakterien. Ballaststoffe sind quasi das Lieblingsessen der „guten“ Darmflora. Gute Ballaststoffquellen sind Pflanzenfasern, und damit reichlich zu finden in - Überraschung! – Gemüse, aber auch Obst, Vollkornprodukten, Leinsamen, Haferkleie, Flohsamenschalen und vielen anderen Lebensmitteln. 30 Gramm Ballaststoffe am Tag sollten es sein, viele essen nicht mal die Hälfte davon.
3.
Möglichst wenig essen, was aus der Lebensmittel-INDUSTRIE kommt und in der Werbung vorkommt. Der Körper leistet jeden Tag Schwerarbeit, um immer wieder neue Zellen aufzubauen. Das kann er leichter mit guter Nahrung, mit echten Lebensmittel, also mit allem, was aus der Natur kommt. Aus Cola, Limonade, Zucker und chemischen Zusätzen und reichlich ungesunden Transfetten schafft er das leider nur halb so gut– ist ja irgendwie auch logisch.
Unsere Nahrung ist aber nur noch zu einem kleinen Teil natürlich, also auch für den Menschen „artgerecht“ – das meiste, was wir essen, ist irgendwie verarbeitet. Für Tierfutter gibt es da oft sehr strenge Anforderungen, für Menschen leider nicht. Wenn man aber bedenkt, wie kurz in der Evolution des Menschen es solches Essen gibt, dann muss man sich schon fragen, was man seinem Körper da jeden Tag antut.
Leider sind wir aber heute regelrecht überflutet von bearbeiteten Lebensmitteln, und leider sind das fast immer Sachen, die den meisten Menschen gut schmecken, und von denen man oft nicht aufhören kann zu essen. Ich habe wirklich noch nie einen Patienten gehabt, der mir gesagt hat „also beim Rosenkohl, da kann ich mich einfach nicht beherrschen....“ – die typischen Lebensmittel, von denen man zu viel isst, sind im Regelfall NICHT natürlich, sondern stark bearbeitet. Chips, Schokolade, Eiscreme, Torten, Pizza – oft eine Mischung aus süß und salzig. Viele kennen das vielleicht von Chips – nur 3 Chips essen? Wer schafft das schon? Ich leider nicht – also versuche ich, damit erst gar nicht anzufangen. Die Lebensmittelindustrie macht sich mit viel Werbung noch viel Mühe, dass wir solche Lebensmittel mit etwas Positivem verbinden, mit Genuss, mit einer Pause, mit Geselligkeit, mit einem „tu dir was Gutes- Gefühl“. Industriezucker gehört übrigens leider auch nicht in eine gesunde Ernährung. Zucker sollte ein Gewürz bleiben und kein Grundnahrungsmittel. Wer viel Zucker isst, der wird automatisch immer mehr Appetit darauf. Bei vielen Menschen sind gerade Süßigkeiten mit besonderen Situationen verknüpft, da war der Nachtisch immer etwas Besonderes, zum Geburtstag gab es Kuchen oder die Schokolade zum Trösten. Dann muss man sich nicht wundern, wenn das auch bei Erwachsenen so ist, dass man in stressigen Situationen zur Schokolade greift. Das muss man dann mühsam erst wieder lernen. Und ehrlich, das Gehirn ist nicht unser Freund, wenn es darum geht, sich solche Nahrung abzugewöhnen, da muss man wirklich aktiv eine Entscheidung treffen und die eine Weile meiden, dann erst will man die nicht mehr.
4.
Deswegen: beim Einkauf am besten eine Liste machen und die meisten Gänge meiden. Der Einkauf, das ist vielleicht der einfachste Tipp, um die Ernährung zu verbessern, aber meiner Erfahrung nach macht das kaum jemand. Was man nicht zuhause hat, kann man nicht essen – also einfach immer weniger von dem ganzen ungesunden Kram einkaufen, nach einer Weile tut das nicht mehr weh – man gewöhnt sich da ganz schnell dran. Auch zuhause hilft es, die Vorräte mal zu entrümpeln, manches zu verschenken (oder zumindest aus den Augen zu räumen) und im Kühlschrank griffbereit ein paar leckere UND gesunde Snacks zu haben. Wenn da als erstes der Kuchen steht, und man den Kühlschrank hungrig öffnet - irgendwann ist die Willenskraft erschöpft. In der Psychologie nennt man das Impulskontrolle, sich also nicht ständig den ganzen Versuchungen aussetzen. Dafür lieber mal ausgiebig über den Wochenmarkt schlendern und sich mit den ganzen guten Sachen eindecken, damit man ordentliche Alternativen hat.
5.
Achtsam essen und das Essen genießen. Oft essen wir gedankenlos oder nebenher. Das Popcorn im Kino, oder die Chips während der Netflix-Serie. Die Kekse im Büro. Das belegte Brötchen im Stehen. So eine Nahrung macht meistens NICHT satt und zufrieden. Dabei kann man sich so leicht angewöhnen, das Essen in Ruhe zu genießen. Langsam, im Sitzen, nicht im Stehen direkt aus dem Kühlschrank. In netter Gesellschaft und in guter Stimmung. Dann verpasst man auch nicht den Moment, wo man einigermaßen satt ist.
Und wenn man gerade völlig neben sich steht oder sehr gestresst ist – da funktioniert die gesamte Verdauung nicht. In solchen Momenten sollte man besser nichts essen, und warten, bis man sich beruhigt hat.
6.
Die langfristigen Auswirkungen des Essens beobachten. Man kann bei jeder neuen Mahlzeit gute Entscheidungen treffen. Bei vielen Menschen läuft da so eine Art innerer Dialog ab: „ich hätte jetzt Lust auf eine große Pizza“ (oder beliebige andere, meist eher ungesunde Wahl) – so die eine Stimme. „Iss doch lieber mehr Gemüse, was Gesundes, Leichtes“ – so die andere Stimme. Meiner Erfahrung nach wissen die meisten Leute ziemlich präzise, was ihnen einigermaßen gut tut, und was nicht. Was viele völlig vergessen: das, was wir essen, das macht etwas in unserem Körper. Nicht sofort, aber ein paar Stunden oder sogar ein paar Tage später. Und es hilft, sich vorzustellen, wie man sich einige Stunden NACH der Pizza oder der großen Portion Schweinebraten fühlt. Frisch und vital? Oder aufgebläht und müde? Wie geht es einem einige Stunden nach einem guten, leichten, frischen Essen, das genau auf die Bedürfnisse gepasst hat? Wo man satt und zufrieden ist, aber nicht völlig voll, schwer und aufgebläht. Gerade Menschen, die zu den emotionalen Essern gehören, hilft das oft. Das höre ich oft von meinen Patienten. Und das läuft dann immer folgendermaßen ab:
Jemandem geht es nicht gut, er fühlt sich gestresst, niedergeschlagen, hat Ärger mit dem Partner, dem Chef oder was auch immer. Wenn man der Stimmung eine Note geben würde, dann höchstens eine „4“. Dann kommt der Gedanke „jetzt gönne ich mir wenigstens etwas Gutes“. Damit ist meistens NICHT die Gemüsesuppe gemeint, sondern im Regelfall etwas Anderes, Alkohol, Eis, Kuchen, Pizza, Chips oder was auch immer. Die Chance, sich DANACH besser zu fühlen, ist minimal, denn zu der sowieso schon miesen Stimmung kommt jetzt noch das schlechte Gefühl, schlecht gegessen oder getrunken zu haben. Das heißt, die Stimmung rutscht jetzt von der 4 auf die 5 oder 6 – war es das wert?
Wie anders würde das verlaufen, wenn man etwas Anderes tun würde, um die Stimmung zu bessern, etwas, das NICHT mit essen oder trinken zu tun hat. In der Wanne abtauchen. Ein Buch lesen. Jemanden anrufen. Einen kurzen Spaziergang machen. Eine Schublade sortieren. Denn, nach einer Weile wird die Stimmung im Regelfall auch von alleine wieder besser, ganz ohne Essen. Sich diese Auswirkungen der Essensentscheidungen, die wir jeden Tag treffen, auf einer längeren Zeit-Achse vorzustellen, hilft manchen, um zukünftig eine bessere Wahl zu treffen. Und je öfter man das macht, umso einfacher fällt es.
7.
Sich nicht von anderen beeinflussen lassen
Viele meiner Patienten sagen mir so etwas wie „ja, ICH würde ja viel gesünder essen, ABER MEIN MANN isst das nicht....bzw. für meine Kinder kann ich das nicht kochen – ja warum denn nicht? Warum dürfen der Mann oder die Kinder denn keine gesunde Nahrung bekommen? Wer sich selbst leckere, gesunde Sachen kocht (ohne seine Mitmenschen zu missionieren) der steckt die anderen meistens ganz schnell an. IM GEGENTEIL, wie spannend wird Brokkoli für kleine Kinder, wenn man sagt, „also der Brokkoli ist heute nur für mich, ihr dürft nur mal kosten“. In der Werbepsychologie nennt man dieses Prinzip „künstliche Verknappung“. Funktioniert viel besser als die Methode „erst die Suppe, dann der Nachtisch“.
Oder beim Ausgehen, alle trinken Alkohol, und man will nicht wie ein Spielverderber dastehen. Das geht vielen so. Tatsächlich ist es oft so, dass gerade Menschen, die selbst dringend ihr Ess- und Trinkverhalten verbessern müssten, einen besonders drängen, doch mitzutrinken oder mitzuessen. Warum das so ist? Nun, wenn man auf einmal bei dem Entschluss bleibt und bestimmte Dinge dem Körper einfach nicht mehr zumuten möchte, dann ist das für andere manchmal schwer zu ertragen. Je überzeugter man selbst von dem ist, was man macht, einfach weil man merkt, wie gut das tut, dann wird einen das Drängen der Anderen immer mehr kalt lassen. So ist aktuell ein sehr guter Zeitpunkt, um sich auf neue Gewohnheiten einzustellen.
8.
selbst kochen - aus frischen, möglichst wenig verarbeiteten Zutaten. Dann weißt man am ehesten, was man isst. Bei vielen Lieblingsgerichten kann man sehr einfach ungesunde durch gesunde Zutaten ersetzen. Auf diese Art lassen sich viele Gerichte oder auch Lieblingsessen verwandeln. Weizenmehl kann man zum Beispiel oft durch Mandelmehl, Kokosmehl oder gemahlene Haferflocken ersetzen. Man kann sich angewöhnen, die Hälfte des Tellers mit möglichst buntem Gemüse zu füllen, als Rohkost, gebraten, im Ofen gegart, gegrillt, wie immer es am besten schmeckt. Reichlich frische Kräuter liefern Vitamine, Spurenelemente, sehen schön aus UND schmecken gut. Statt Limonade kann man Wasser mit Zitrone und Minze oder Gurke probieren. Es gibt so viele Alternativem zu Reis oder Nudeln: Naturreis, Quinoa, Hirse, Buchweizen, „Blumenkohlreis“, Amaranth, oder Konjaknudeln, um nur einige zu nennen. Aus vielen Gemüsesorten kann man schön bunte Gemüsenudeln machen – die essen auch Kinder gerne. Gute Proteine stecken in Kichererbsen, Linsen, Bohnen, auch viele Gemüse haben ordentliche Mengen an Eiweiß, es muss nicht immer Fleisch sein. Und wenn Fleisch, dann lieber selten, aber in Bio-Qualität. Selbst kochen muss nicht aufwendig sein und auch Berufstätige können das gut schaffen. Mir hilft es oft, wenn ich an den Tagen, wo ich lange arbeite, ein bisschen vorplane oder auch Essen vorbereite. Wenn ich müde UND hungrig bin, dann ist die Chance viel größer, dass ich irgendeinen Quatsch esse.
9.
Über eine individuelle Ernährungsberatung nachdenken. Jeder kann andere Bedürfnisse haben, je nachdem, ob jemand viel Sport machst, oder viel Stress hat, oder schwanger ist, oder schon etwas älter ist, oder viele Infekte hatte, oder häufig Antibiotika einnehmen musste. Es gibt nicht DIE einzige gesunde Ernährungsform, bzw. man kann fast jede Ernährungsform gesund machen und mega- ungesund. Man kann ketogen gesund essen und extrem ungesund. Das Gleiche gilt für vegane Ernährung. In der TCM hat die Nahrung einen großen Stellenwert und den Lebensmitteln werden bestimmte Wirkungen zugeordnet, zum Beispiel hitzend oder kühlend. Das kann man bei bestimmten Krankheiten sehr gut einsetzen und darüber schreibe ich noch einmal separat.
10.
„Gesund und nährstoffreich essen“ und „Essen genießen“ schließen sich nicht aus – manche stellen ihre Ernährung auf „gesund“ um und mümmeln dann freudlos ein paar Karotten. Das ist dann purer Stress. Und führt meistens dazu, dass man nach spätestens einer Woche alles hinschmeißt. Das ist zum Scheitern verurteilt. Eine Ernährungsumstellung, die nicht schmeckt, ist sinnlos. Deswegen ist das Wichtigste bei einer Ernährungsumstellung, Spaß haben, neue interessante Rezepte ausprobieren, gute Zutaten einkaufen, und das Essen genießen– der Volksmund sagt nicht umsonst, „Essen hält Leib und Seele zusammen“ – und genau darum geht es, die Mahlzeit sollte dem Körper gut tun, aber natürlich der Seele auch.
11.
Akzeptieren, dass eine Verbesserung der Ernährung ein schrittweiser Prozess ist, der nicht über Nacht geht. Und dafür braucht man Geduld. Lieber schrittweise eine Änderung nach der anderen einführen, schauen wie es einem dabei geht, und dann ist man motiviert für den nächsten Schritt.
Bei mir war das übrigens so ein Prozess. Als junge Studentin habe ich überwiegend von Tütensuppen und Mensaessen gelebt, mal ein Apfel dazwischen. Im Übrigen habe ich in meinem Medizin- Studium so gut wie nichts über gesunde Ernährung gelernt. Eigentlich erst bei meiner ersten Schwangerschaft habe ich mich überhaupt mal mit gesunder Ernährung befasst - da aß ja jemand mit. Kochen mit drei kleinen Kindern fand ich manchmal eine Herausforderung, weil nicht alle meine Gemüseexperimente auf Gegenliebe gestoßen sind. Und meine Kinder hatten wie viele Kinder eine ausgeprägte und lange „Nudeln mit Ketchup-Phase“. So bin ich oft eingeknickt und habe auch mal fertige Hamburger oder Pizza mitgebracht. Und heute? Ich esse überwiegend Gesundes, also grob gesagt viel Frisches, viel Gemüse, saisonal, selbst gekocht und generell viel pflanzliche Nahrung. Überwiegend bedeutet überwiegend, und nicht immer. Und so mache ich es mit allem. Oft ernähre ich mich nach den Prinzipien der TCM, so frühstücke ich zum Beispiel wenn es draußen kühler ist, gerne etwas Warmes, und bestimmte Nahrungsmittel esse ich sehr selten, da sie in der TCM als problematisch gelten (Zucker, Milchprodukte, Weizen). Mir bekommt es besser, wenn ich eher vormittags und Mittags esse, dafür abends nicht so spät und nicht so viel, das gelingt mir aber oft nicht. Ab und zu lasse ich mal eine Mahlzeit aus, aber meistens eher, weil ich gerade keine Zeit habe, in Ruhe etwas zu essen, und dann warte ich lieber bis zur nächsten – also so eine Art intermittierendes Fasten, aber ohne strenges Konzept. Überhaupt bin ich nicht so strikt mit allem, im Regelfall habe ich zum Glück mehr Lust auf die guten Sachen. Und Getränke? Die kamen jetzt ein bisschen zu kurz. Der Körper besteht zur guten Hälfte aus Wasser. Also ist es irgendwie logisch, hauptsächlich Wasser zu trinken. Ich trinke noch so ein bis zwei Tassen Kaffee dazu - beim Kaffee bin ich nicht objektiv, da ich Kaffee wirklich liebe, und so vertraue ich auf die Studien, die dem Kaffee auch durchaus positive Wirkungen zuschreiben. Und außerdem trinke ich viel Tee. Ab und zu trinke ich mal ein Glas Wein, so einmal im Monat vielleicht. Auch da rudert die Wissenschaft ein bisschen zurück, vor Jahren als „gut für das Herz“ gefeiert, ist man da heute deutlich zurückhaltender, gerade was die Menge angeht. Also das tägliche Glas Alkohol ist definitiv überholt.
Dennoch: niemand muss „perfekt“ essen, um gesund zu bleiben. Alles in Maßen. Grob kann man sagen, wenn der Löwenanteil der Ernährung – sagen wir mal so etwa 80-90 % aus guter, nährstoffreicher, für Menschen „artgerechter“ Ernährung besteht, dann hat man ein solides Fundament, wo auch mal Raum für ein paar Ausnahmen ist. Schritt für Schritt, aktuell ist das besonders einfach: keine Einladungen, keine Restaurantbesuche – einfach mal durchziehen bis Ende Januar, und dann schauen, wie es einem geht. Die meisten meiner Patienten sind völlig erstaunt, WIE viel besser man sich fühlt, wenn man die richtige Nahrung „tankt“.
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