Ein paar Worte zum Alkohol

Eins vorneweg: ich bin in der Pfalz aufgewachsen – Wein gibt es da überall und es ist durchaus üblich, bereits zum Mittagessen ein Glas Wein zu trinken. In der Pfalz benutzt man dazu „Schoppen“-Gläser. Ein Schoppenglas fasst einen halben Liter. Mein Cousin betreibt in Mallorca ein wunderbares Weingut. Ich bin also sozusagen mit Alkohol groß geworden.

 

Viel getrunken habe ich dennoch nie. Insgesamt knapp 5 Jahre meines Lebens war ich entweder schwanger oder habe gestillt. Obwohl ich davor ganz gern mal ein Glas Wein getrunken habe, danach ist er mir nie mehr gut bekommen. Heute muss ich sagen, zum Glück. Denn die Studienlage zum Alkohol ist leider mittlerweile eindeutig: gesund ist Alkohol definitiv nicht, auch nicht in Maßen!!!

 

Ich bin ungern der Überbringer schlechter Nachrichten, aber abgesehen von den kurzfristigen Wirkungen wie schlechte Konzentration oder ein Kater am nächsten Morgen hat Alkohol eine Reihe von negativen langfristigen Auswirkungen: Alkohol erhöht den Blutdruck und damit das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen. Regelmäßiger Alkoholkonsum erhöht das Risiko, an Krebs, Demenz und Schlaganfall zu erkranken. Zudem verschlechtert Alkohol dramatisch den Schlaf und damit die Regeneration in der Nacht, kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und verschlechtert das Hautbild. Die Leber, die leider kein eigenes „Frühwarnsystem“ hat, kann leiden, es kann eine Fettleber entstehen und die Leberwerte erhöhen sich.

 

Im Grunde gibt es keinerlei Vorteile, Alkohol zu trinken. Wenn ich das Patienten sage, dann entgegen mir alle, wie gesund doch der Rotwein sei – wegen der Pflanzenfarbstoffe. Nun, das stimmt bedingt, aber diese Pflanzenfarbstoffe, OPC um genau zu sein, sind auch in Heidelbeeren, Trauben und vielen dunklen Obst- und Gemüsesorten enthalten. Keine seriöse Studie weist nach, dass es einen positiven gesundheitlichen Effekt durch Rotwein gibt, im Gegenteil.

Andere sagen mir so etwas wie „aber der Alkohol entspannt mich abends“. Darauf entgegne ich, dass es im Regelfall das schöne Ritual ist, das entspannt. Der gemütliche Abend mit Freunden, das Feierabend-Bier. Unser Gehirn ist da sehr kreativ. Würde man in der gleichen Situation eine schöne, eiskalte Saft-Schorle trinken, wäre man genauso entspannt. Und wer sich dabei erwischt, dass er nicht das Ritual, sondern den Alkohol benötigt, um sich zu entspannen, der sollte nicht zögern und ärztlichen Rat einholen.

 

Wie viel Alkohol ist ZU VIEL?

Die einfache Antwort: jedes Glas ist zu viel. Einem Baby würde man auch kein Bier zu trinken geben. Aber, um hier einen realistischen Rahmen zu geben: wer regelmäßig als Frau mehr als 12 Gramm Alkohol am Tag trinkt (ein kleines Bier enthält etwa 13 Gramm Alkohol, 100ml Wein etwa 9 Gramm Alkohol, 20 ml Tequila etwa 6 Gramm Alkohol) oder als Mann mehr als 24 Gramm Alkohol am Tag, der trinkt definitiv zu viel und das kann sich über kurz oder lang gesundheitlich auswirken.. Manche erreichen diese Höchst- Menge auch an nur zwei Tagen am Wochenende.

 

Wie schnell baut sich Alkohol im Körper ab?

Das kommt darauf an und hängt von vielen Faktoren ab. Unter anderem davon, wie groß und schwer jemand ist, wie gut der Magen gefüllt ist, wie sehr man an Alkohol gewöhnt ist. Alkohol gelangt über den Magen in den Darm und von dort in den Blutkreislauf, wo er sich nach etwa einer Stunde im gesamten Körper verteilt. Etwa 0,1-bis 0,2 Promille baut der Körper in der Stunde wieder ab, die größte Arbeit hierzu verrichtet die Leber. Während der Körper mit dem Alkoholabbau beschäftigt ist, werden viele andere Prozesse gestoppt, was unter anderem für Sportler und für Menschen, die abnehmen möchten wichtig ist. Wer Alkohol trinkt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er im Sport keine Fortschritte macht und beim Fett-Verlust auch nicht.

 

Eine gute Nachricht ist, dass uns unser Körper sehr gutmütig viele Fehler verzeiht, teilweise über viele Jahre, und eine Regeneration (fast) immer wieder möglich ist. Der Verzicht auf Alkohol kann eine Herausforderung werden, aber die Vorteile, die das für die Gesundheit bringt, sind es wirklich wert. Das Nicht-Trinken ist somit auch eine Investition ins Alter.

 

Das passiert, wenn man keinen Alkohol oder zumindest so gut wie keinen Alkohol mehr trinkt:

 

1.     Kurzfristige Folgen

Bereits nach wenigen Tagen verbessert sich der Schlaf. Die Tiefschlafphasen werden länger, der Schlaf wird erholsamer. Schlafstörungen gehen zurück. Es ist ein weit verbreitetes Märchen, dass Alkohol den Schlaf fördert. Das Gegenteil ist der Fall. Das konnte in hunderten von Studien nachgewiesen werden. Bereits ein moderater Alkoholkonsum verschlechtert den Nachtschlaf dramatisch, die Menschen schlafen zwar ganz gut ein, aber wachen öfter auf, haben weniger Tiefschlaf und weniger REM-Schlaf, also Traumschlaf und wachen wenig erholt auf.

 

Die Haut wird schöner, sieht rosiger aus, ist besser durchblutet. Die Poren werden feiner. Hauterkrankungen wie Akne oder Rosazea bessern sich unter Alkoholkarenz. Viele Menschen, die regelmäßig Alkohol trinken, entwickeln geschwollene Lider und Rötungen im Gesicht. Diese gehen ganz schnell zurück, wenn man keinen Alkohol mehr trinkt. Um diesen Unterschied feststellen zu können, ist der einfachste Weg, von sich selbst ein Foto zu machen und nach drei Wochen noch eins – die Unterschiede sind verblüffend.

 

2.     Langfristige Folgen

Das Gewicht geht nach unten. Alkohol hat eine Menge an leeren Kalorien. Wer die plötzlich weglässt und durch kalorienarme andere Getränke ersetzt, wird das über kurz oder lang an der Waage merken. Außerdem schwindet das Bauchfett, wir sprechen nicht umsonst umgangssprachlich von einem „Bierbauch“.

 

Die Leber regeneriert sich. Eine gute Funktion der Leber ist unglaublich wichtig. Unter anderem für die Energie, für die Ausstrahlung, für sehr viele Körperfunktionen. Die Leber ist Stoffwechselorgan und Produktionsstätte, ein großes, gutmütiges Organ. Man sollte seiner Leber nicht zu viel zumuten. Wenn sich die Leberfunktion bessert, merkt man das oft an viel mehr Schwung und Energie.

 

Die Stimmung bessert sich. Alkohol kann zwar ganz kurzfristig etwas auflockern. Allerdings, NACH ausgedehntem Alkoholkonsum fühlen wir uns so gut wie nie in einer tollen Stimmung, ganz im Gegenteil. Nicht umsonst gibt es den Begriff „Katerstimmung“. Alkohol fördert depressive Stimmung und Menschen mit Depressionen sollten Alkohol komplett meiden. Nach etwa 3- 4 Wochen ohne Alkohol hebt sich die Stimmung und man kann Alltagsanforderungen besser bewältigen. Auch Konzentration, Ausdauer und Gedächtnis bessern sich.

 

Nach einigen Monaten kann der Blutdruck sinken. Menschen, die Bluthochdrucktabletten einnehmen, müssten eigentlich aus medizinischer Sicht komplett auf Alkohol verzichten. Selbst ein moderater Alkoholkonsum kann jeden Blutdruck erhöhen, und wer dazu neigt, tut gut daran, darauf zu verzichten.

 

Hitzewallungen in den Wechseljahren verbessern sich dramatisch durch Weglassen von Alkohol. Insgesamt kann ich gerade für die gesamte hormonelle Situation Frauen über 50 nur raten, Alkohol nur gelegentlich zu trinken oder, wer das kann, ganz wegzulassen.

 

Und wie komme ich von zu viel Alkohol weg?

Mit dem Alkohol ist es ähnlich wie mit den Süßigkeiten oder Zigaretten. Wir wissen, so doll ist das nicht für uns, aber wir kommen nicht davon weg. Warum ist das so? Nun, hier kommt die Hirnforschung ins Spiel. Unser großartiges Gehirn lernt leider nicht nur gute Dinge, sondern auch jede Menge schlechte Dinge. Und besonders gut lernt das Gehirn, wenn mehrere Dinge verknüpft werden und positive Emotionen im Spiel sind:

Ein paar Beispiele: Feierabend, Couch, gute Serie, ein schönes Glas Wein.

Ein schöner Sommerabend, nette Freunde und ein eiskalter Cocktail

Grillen und ein Bier. Das “Feierabendbier”. Das Bier nach dem Sport.

Eine Gelegenheit zum Feiern (Geburtstag, Abschluss, was auch immer) und ein Gläschen Sekt

Ein gutes Essen mit einem dazu passenden Wein in einem schönen Glas. Nach dem Essen ein Schnaps für die Verdauung.

So wird immer wieder ein gutes Gefühl mit dem Trinken von Alkohol verknüpft. Das beste Beispiel hierfür sind Werbungen für alkoholische Getränke, die genau das ansprechen.

Die gute Nachricht ist, so wie man am Handy eine App löschen kann, so kann man auch Gewohnheiten überschreiben. Man kann durchaus sehr ausgelassen feiern und dabei alkoholfreie Getränke trinken. Man kann auf einen gelungenen Abschluss auch mit Wasser anstoßen. Am Anfang wird einem etwas fehlen, nach einer Weile nicht mehr. Dann wird es eine neue Gewohnheit und man wird verblüfft feststellen, wie gut das tut.

 

Für den Einstieg habe ich ein paar Anregungen, sehen Sie das einfach als Vorschläge zum Aussuchen, was Ihnen am besten gefällt:

Man kann sich vornehmen, an mindestens 3 Tagen in der Woche auf Alkohol zu verzichten. Wer das schon macht, kann damit starten, an jedem zweiten Wochenende keinen Alkohol zu trinken. Oder mal einen ganzen anti-alkoholischen Monat einlegen. Viele alkoholhaltige Getränke gibt es auch in einer alkoholfreien Variante.

Man kann sich vornehmen, zu jedem Glas Alkohol ein Glas oder besser gleich eine Flasche Wasser zu trinken. Man kann auch einfach aufhören, Alkohol zu trinken. Das wird von anderen Menschen allerdings meistens sehr argwöhnisch betrachtet und fast immer kommentiert, ich spreche aus Erfahrung.

 

Ich weiß, vielen fällt das richtig schwer. Der Einstieg ist am schwierigsten. Auch kleine Schritte in die richtige Richtung können einen großen Effekt haben. Vielen hilft daher die Methode der kleinen Schritte sehr gut. Einfach mal ausprobieren, und schauen, wie viel besser es einem geht damit.

 

Ab wann benötigt man ärztliche Hilfe?

Wer merkt, dass es ihm sehr schwer fällt, auf Alkohol zu verzichten, wer seinen Alkoholkonsum herunterspielt oder versucht zu verstecken, wer häufig alleine zu Alkohol greift, wer selbst das Gefühl hat, zu viel zu trinken, wer mehrmals im Monat Kontrollverlust beim Trinken erlebt, wer häufig auf seine Trink-Gewohnheiten angesprochen wird - all das sind Gründe, mit einem Arzt darüber zu sprechen. Lieber zu früh als zu spät.

Ein in der Traditionellen Chinesischen Medizin häufiges Beschwerdebild ist die so genannte “Leber-QI- Stagnation”. Diese kann sich auf verschiedene Weise äußern, mit Magen-Darm-Beschwerden, mit Verspannungen, mit Kopfschmerzen, mit angespannter Stimmung, mit unruhigem Schlaf, mit Hautproblemen, mit manchen Augenproblemen, um nur einige zu nennen. Hier ist es fast immer hilfreich, eine Weile Alkohol komplett zu meiden, bis sich der Körper wieder regeneriert hat. Mein früherer chinesischer Kollege hat das den Patienten immer genau erklärt und am Ende gesagt “die Hälfte der Arbeit übernehme ich, und diese andere Hälfte, die müssen leider Sie übernehmen”.

Und für den einen oder anderen, der jetzt beim Lesen ganz unglücklich geworden ist: ein schöner Spruch von Hippokrates besagt „die Dosis macht das Gift“. Wer sich ab und zu ein schönes Glas Wein gönnen möchte und das wirklich in vollen Züge. genießt, so dass man richtig glücklich und zufrieden ist, und auch ansonsten eine relativ gesunde Lebensweise hat, der muss sich vermutlich keine Gedanken machen.

 

 

Foto von Kevin Kelly auf Unsplash

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